Hintergrund-Szenarium
Wohl gibt es Umfragen, die eine verbreitete Zufriedenheit mit der eigenen Situation ausweisen; die Resultate von Abstimmungen und Wahlen zeigen aber ein wenig harmonisches und zukunftsträchtiges Bild.
Erfolgreiche politischen Kampagnen simplifizieren, verunglimpfen Andersdenkende, beleidigen und heizen die Emotionen an. (Trump in den USA, SVP in der Schweiz, AfD in Deutschland u.a.)
Dass simplifizieren und verunglimpfen die grösste Zustimmung erhält zeigt – ein wesentlicher Teil der Wähler ist von der Komplexität unserer Zivilisation bereits heute überfordert. Die Komplexität wird weiter steigen -- mit zunehmendem Tempo.
Bis anhin hat der technische Fortschritt mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet – ev. ist das auch weiterhin so. Nur stellt sich die Frage, inwieweit die neu geschaffenen Stellen mit den Stellensuchenden kompatibel bleiben.
Auf dem Arbeitsmarkt besteht ein Mangel an Hoch- und ein Überfluss an Nieder-qualifizierten. Die Digitalisierung wird diese Diskrepanz verschärfen.
Wenn in der Zukunft eine Tätigkeit in der digitalisierten Welt einen IQ von >115 erfordert, sind rund 85% der Bevölkerung ungeeignet.
Staatliche Stellen wie z.B. das SECO stellen ebenfalls eine Erhöhung der Kompetenzen-Anforderung fest:
Das Risiko der strukturellen Arbeitslosigkeit wird anerkannt, wobei Aus- und Weiterbildung als Gegenmassnahme postuliert wird. Das Risiko, dass dieses nicht ausreichend funktionieren könnte, bleibt unerwähnt.
Der Wandel wird gewaltig sein und könnte einen grossen Teil der Bevölkerung aus der wirtschaftlichen Produktivität aussondern.
•Der Wetter-Prognose-Computer kommuniziert dem Farm-Computer, wann er die (von Robotern fabrizierten) Mäh-Roboter los senden soll, um die Ernte in das vollautomatisierte Lager einzubringen.
•Oder der Computer X registriert das Unterschreiten eines Soll-Lagerbestandes, welcher er mittels KI ermittelt hat. Er kommuniziert direkt eine Offertanfrage an die Computer der potenziellen Lieferanten. Diese erstellen ihr Angebot aufgrund verschiedener Parameter wie aktuelle Materialkosten, Fabrikationsauslastung, generelle Marktsituation etc. -- ebenfalls unter Einsatz von KI um das System permanent zu optimieren. Der Computer X evaluiert dann die Offerten bezüglich Lieferanten-Zuverlässigkeit, Preis und Lieferkonditionen und übermittelt dann die Bestellung an den Computer mit dem besten Angebot. Dort wird vom Computer der Auftrag in die Planung integriert und die notwendigen Materialien analog zur Beschaffung durch X eingekauft. Vom vollautomatischen Lager kommen die Materialien in die Fabrikation, wo vernetzte Maschinen und Roboter das Produkt herstellen. Die Auslieferung erfolgt auf einem selbstfahrenden LKW in das automatische Lager des Kunden; die Fakturierung wie auch die Zahlung erfolgt vollautomatisch von Computer zu Computer.
Die grösste Herausforderung am obigen Beispiel ist der selbstfahrende LKW, der sich in einer sich permanent verändernder komplexen Verkehrssituation sicher adäquat verhalten muss. An selbstfahrenden Fahrzeugen wird intensiv geforscht und erste Prototypen sind bereits unterwegs. Das teilweise weniger anspruchsvolle Bereiche noch nicht soweit sind, liegt am riesigen Potential für das computergesteuerten Fahrzeug. KI-Anwendungen werden sich plötzlich sehr rasch ausbreiten. Standards für die Computer-Computer-Kommunikation sind bereits existent.
Den Chauffeur oder die Sachbearbeiter zu KI-Cracks oder Managers auszubilden, dürfte in den meisten Fällen scheitern.
In Service-Bereichen wie Pflege und Gastronomie wird es immer Beschäftigung geben, die weniger Intelligenz erfordern; aber kaum für alle,
wobei die hohe Produktivität ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle ermöglichen wird. Es wird 3 Gruppen geben – die gesuchten HiIQ's, andere besondere Talente wie Sportler, Künstler oder Handwerker im Luxusbereich -- und dann der grosse Teil der weniger qualifizierten; in Service/Pflege tätig oder ohne Arbeit.
In der aktuellen Kultur mit der weitgehend materiell orientierten Leistungsbewertung sind die der 3. Gruppe die 'loosers', die abgehängten. Wenn diese Gruppe über 50% oder sogar bis zu 80% der Bevölkerung entspricht, sind unter den aktuellen gesellschaftlichen Wertvorstellungen Konflikte vorgegeben – letztlich Manipulation, Diktatur oder Chaos. Ein Kulturwandel ist für das Erhalten einer demokratischen und liberalen Gesellschaft unausweichlich. Für die Gesellschaft sind Qualitäten wie Toleranz, Kooperationsbereitschaft, Flexibilität, 'low-ego' und innerer Frieden wichtig; für die 'KI-Gesellschaft' sind sie essentiell.
Historisch hatten Religionen die Aufgabe, den immateriellen Bereich zu versorgen und Werte zu setzen – in der modernen Gesellschaft hat sich deren Einfluss ja aber praktisch aufgelöst.
In der Politik ist die Bedeutung der Ethik – der kulturellen Werte – eigentlich nur im Zusammenhang mit dem 'Bewahren von nationaler Identität' zu finden. Diskussionen, wie eine zukunftsorientierte Ethik aussehen sollte, gibt es nur punktuell (wie z.B. Genmanipulation, Homo-Ehe, Immigration) – was aber wirklich die ethischen Grundlagen der Gesellschaft sind und wie es um diese steht, ist kaum ein Thema.
KI 'human' einzusetzen würde bedeuten, sie massiv einzuschränken, so dass sie den Menschen nicht konkurrenziert – aber, um niemanden zu konkurrenzieren müsste man sie gleich ganz verbieten. Inwieweit darf sie konkurrenzieren, 5%, 15%, 40%? Mit Arbeitszeit-Reduktion kann die verdrängende Auswirkung der KI wegen ihrem Einfluss auf die Intelligenz-Anforderung der Arbeitsplätze nicht kompensiert werden.
In der sich global konkurrenzierenden Wirtschaft ist eine KI-Beschränkung kaum praktikabel, zudem bietet die KI kombiniert mit einer veränderten Kultur und einem veränderten Selbstverständnis auf der individuellen Ebene eine interessante und positive Perspektive. Lebensqualität ist 'sich wohlfühlen' und dieses ist in einer hochentwickelten Gesellschaft weit weniger eine Frage der Umstände als eine des individuellen Denkens und Bewertens.
Materielle Prägung
Bis anhin konnten Technik und Wirtschaft viele Probleme lösen und die Lebensqualität der Menschen verbessern. Dass so etwas wie eine Fixierung auf mehr Lebensqualität durch materielle Steigerung besteht, ist aus der Menschheitsgeschichte plausibel. Die wirtschaftliche Mangelsituation ist 200'000 bis 300'000 Jahre alt, diejenige der 'Überfluss-Gesellschaft' demgegenüber ca. 50 Jahre, d.h. eine Proportion von irgendwo um die 1 zu 4000 bis 1 zu 6000. Dass 'materielle Umweltoptimierung' quasi als Naturgesetz verinnerlicht ist, kann da nicht erstaunen.
In der modernen Welt leben wir in einer sich rasch verändernden 'Überfluss-' hin zur 'KI-Gesellschaft' mit markant ansteigender Anforderung bis Überforderung vieler Menschen. Technik und Wirtschaft – die materiellen Umstände können die Lösung nicht mehr bieten – sie sind Teil der Ursache.
Die 'Zivilisation 4.0' wird – auch wenn sich eine Schere zwischen 'hochproduktiven' und 'wenig bis unproduktiven' Menschen immer weiter auftut – zum Erfolg, wenn nicht nur die Produktivität mittels Digitalisierung gesteigert sondern auch Überheblichkeit, Egoismus, Neid und Gier vermindert werden kann. Zur Zukunft unserer Zivilisation hat der Dalai Lama ziemlich sicher mehr zu bieten als Xi Jinping.
Die buddhistische Philosophie enthält ein Konzept, welches die Reduktion von Egoismus und der daraus resultierenden Ängste und Eitelkeiten mit einer Zunahme an Wohlbefinden kombiniert. Unsere Zivilisation wird die Prioritäten neu setzen müssen; die ökonomisch-technische Priorität führt zu keiner Lösung, sie ist Teil des Problems.
1https://www.ey.com/de/de/newsroom/news-releases/ey-20171116-jeder-sechste-sieht-durch-digitalisierung-eigenen-arbeitsplatz-in-gefahr
2https://www.seco.admin.ch/dam/seco/de/dokumente/Wirtschaft/Wirtschaftspolitik/digitalisierung/kurzfassung_bericht_auswirkung_digitalisierung.pdf.download.pdf/kurzfassung_bericht_auswirkung_digitalisierung.pdf Seite 1
3s. 2, Seite 3
4s.z.B. JakobPietschnig + GeorgGittler, A reversal of the Flynn effect for spatial perception in German-speaking countries: Evidence from a cross-temporal IRT-based meta-analysis (1977–2014)
5'ALPHAZERO' – Schachcomputer mit Intuition – NZZ vom 07.12.18
6https://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/future-of-employment.pdf
7https://www.technologyreview.com/s/610005/every-study-we-could-find-on-what-automation-will-do-to-jobs-in-one-chart/#comments
8https://www.ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/gess/cis/center-for-securities-studies/pdfs/CSSAnalyse220-DE.pdf