Hintergrund-Szenarium

 

Wohl gibt es Umfragen, die eine verbreitete Zufriedenheit mit der eigenen Situation ausweisen; die Resultate von Abstimmungen und Wahlen zeigen aber ein wenig harmonisches und zukunftsträchtiges Bild.

Erfolgreiche politischen Kampagnen simplifizieren, verunglimpfen Andersdenkende, beleidigen und heizen die Emotionen an. (Trump in den USA, SVP in der Schweiz, AfD in Deutschland u.a.)

Dass simplifizieren und verunglimpfen die grösste Zustimmung erhält zeigt – ein wesentlicher Teil der Wähler ist von der Komplexität unserer Zivilisation bereits heute überfordert. Die Komplexität wird weiter steigen -- mit zunehmendem Tempo.

Bis anhin hat der technische Fortschritt mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet – ev. ist das auch weiterhin so. Nur stellt sich die Frage, inwieweit die neu geschaffenen Stellen mit den Stellensuchenden kompatibel bleiben.

Auf dem Arbeitsmarkt besteht ein Mangel an Hoch- und ein Überfluss an Nieder-qualifizierten. Die Digitalisierung wird diese Diskrepanz verschärfen.

Gemäss einer Umfrage von Ernst & Young geben 16% der Arbeitnehmer an, sich der Digitalisierung selten oder nie gewachsen zu fühlen1. Diese Situation kann zum Teil durch Aus-/Weiterbildung verbessert werden. Digitalisierung und KI köennten die Anforderungen jedoch auf eine Höhe bringen, die für viele Arbeitnehmer nicht erreichbar ist.

Wenn in der Zukunft eine Tätigkeit in der digitalisierten Welt einen IQ von >115 erfordert, sind rund 85% der Bevölkerung ungeeignet.

 

Staatliche Stellen wie z.B. das SECO stellen ebenfalls eine Erhöhung der Kompetenzen-Anforderung fest:

Die flächendeckende Einführung von immer leistungsfähigeren digitalen Technologien hat massgeblich dazu beigetragen, dass sich die Produktions- und Arbeitsprozesse laufend verändert haben. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Beschäftigung zunehmend in Branchen mit einer starken Technologieorientierung und in wissensintensive Branchen mit hohen Qualifikationsanforderungen verschoben.2
 
Entwicklung der Beschäftigungsanteile nach Tätigkeitsprofilen3:
 

Das Risiko der strukturellen Arbeitslosigkeit wird anerkannt, wobei Aus- und Weiterbildung als Gegenmassnahme postuliert wird. Das Risiko, dass dieses nicht ausreichend funktionieren könnte, bleibt unerwähnt.

Dass der individuelle IQ keine fixe Grösse ist, hat der Neuseeländer James Flynn nachgewiesen; es wurde ein Anstieg des IQ um ca. 3 Punkte pro Jahrzehnt festgestellt. Neuere Erhebungen zeigen nun aber, dass in den skandinavischen wie auch in den deutschsprachigen Ländern dieses IQ-Wachstum nicht nur aufgehört hat, sondern sogar eine Reduktion zu verzeichnen ist4. Das Konzept, dass jeder Mensch ein Gen-bedingtes Intelligenzpotential hat, welches mehr oder weniger gut erschlossen ist, erscheint plausibel. Es ist wohl anzunehmen, dass mittels einer entsprechenden Schulung das Potential erschlossen werden – aber nicht über die genetische Veranlagung hinaus gehoben werden kann.
Die Leistungsfähigkeit der Computer ist über die letzten 50 Jahre exponentiell gewachsen – d.h. in den letzten 10 Jahren um einen Faktor von >500. Auch wenn dieses nicht so weiter gehen wird, die Leistung ist da und billig verfügbar. Eine Software, die innerhalb von 9 Stunden lernt Schach zu spielen und danach nicht mehr zu schlagen ist, hört sich nach Science Fiction an, ist aber Realität5 Bis anhin war die Software-Erstellung der Flaschenhals; sobald einmal Software mittels KI Software in grossem Umfang herstellt, wird sich das ändern.

Der Wandel wird gewaltig sein und könnte einen grossen Teil der Bevölkerung aus der wirtschaftlichen Produktivität aussondern.

Die grösste Herausforderung am obigen Beispiel ist der selbstfahrende LKW, der sich in einer sich permanent verändernder komplexen Verkehrssituation sicher adäquat verhalten muss. An selbstfahrenden Fahrzeugen wird intensiv geforscht und erste Prototypen sind bereits unterwegs. Das teilweise weniger anspruchsvolle Bereiche noch nicht soweit sind, liegt am riesigen Potential für das computergesteuerten Fahrzeug. KI-Anwendungen werden sich plötzlich sehr rasch ausbreiten. Standards für die Computer-Computer-Kommunikation sind bereits existent.

Den Chauffeur oder die Sachbearbeiter zu KI-Cracks oder Managers auszubilden, dürfte in den meisten Fällen scheitern.

 

Im Jahr 2013 veröffentlichten Carl B. Frey und Michael Osborne ihre Studie 'The Future of Employment'6 mit der Einschätzung, dass in den USA auf Basis der damaligen 'state of the art' -IT rund 47% der Arbeitsplätze dem Risiko der Automatisierung ausgesetzt sind ('are at risk of automation'). KI hat sich seit 2013 weiter entwickelt und dieses wird auch in der Zukunft so sein – d.h. es muss eventuell mit einem exponentiellen Anstieg der automatisierbaren Arbeitsplätze gerechnet werden. Es geht hierbei darum, sich mit der Möglichkeit einer solchen Entwicklung und deren Auswirkungen zu befassen und nicht um eine quantitative Prognose. (MIT Technology Review: 'There are about as many opinions as there are experts.'7)
China will bis 2030 führend in KI werden8; ein ein Technologie-Wettlauf dürfte die Entwicklung weiter beschleunigen.

 

In Service-Bereichen wie Pflege und Gastronomie wird es immer Beschäftigung geben, die weniger Intelligenz erfordern; aber kaum für alle,

wobei die hohe Produktivität ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle ermöglichen wird. Es wird 3 Gruppen geben – die gesuchten HiIQ's, andere besondere Talente wie Sportler, Künstler oder Handwerker im Luxusbereich -- und dann der grosse Teil der weniger qualifizierten; in Service/Pflege tätig oder ohne Arbeit.

In der aktuellen Kultur mit der weitgehend materiell orientierten Leistungsbewertung sind die der 3. Gruppe die 'loosers', die abgehängten. Wenn diese Gruppe über 50% oder sogar bis zu 80% der Bevölkerung entspricht, sind unter den aktuellen gesellschaftlichen Wertvorstellungen Konflikte vorgegeben – letztlich Manipulation, Diktatur oder Chaos. Ein Kulturwandel ist für das Erhalten einer demokratischen und liberalen Gesellschaft unausweichlich. Für die Gesellschaft sind Qualitäten wie Toleranz, Kooperationsbereitschaft, Flexibilität, 'low-ego' und innerer Frieden wichtig; für die 'KI-Gesellschaft' sind sie essentiell.  

Historisch hatten Religionen die Aufgabe, den immateriellen Bereich zu versorgen und Werte zu setzen – in der modernen Gesellschaft hat sich deren Einfluss ja aber praktisch aufgelöst.

In der Politik ist die Bedeutung der Ethik – der kulturellen Werte – eigentlich nur im Zusammenhang mit dem 'Bewahren von nationaler Identität' zu finden. Diskussionen, wie eine zukunftsorientierte Ethik aussehen sollte, gibt es nur punktuell (wie z.B. Genmanipulation, Homo-Ehe, Immigration) – was aber wirklich die ethischen Grundlagen der Gesellschaft sind und wie es um diese steht, ist kaum ein Thema.

KI 'human' einzusetzen würde bedeuten, sie massiv einzuschränken, so dass sie den Menschen nicht konkurrenziert – aber, um niemanden zu konkurrenzieren müsste man sie gleich ganz verbieten. Inwieweit darf sie konkurrenzieren, 5%, 15%, 40%? Mit Arbeitszeit-Reduktion kann die verdrängende Auswirkung der KI wegen ihrem Einfluss auf die Intelligenz-Anforderung der Arbeitsplätze nicht kompensiert werden.

In der sich global konkurrenzierenden Wirtschaft ist eine KI-Beschränkung kaum praktikabel, zudem bietet die KI kombiniert mit einer veränderten Kultur und einem veränderten Selbstverständnis auf der individuellen Ebene eine interessante und positive Perspektive. Lebensqualität ist 'sich wohlfühlen' und dieses ist in einer hochentwickelten Gesellschaft weit weniger eine Frage der Umstände als eine des individuellen Denkens und Bewertens.

 

 

Materielle Prägung

 

Bis anhin konnten Technik und Wirtschaft viele Probleme lösen und die Lebensqualität der Menschen verbessern. Dass so etwas wie eine Fixierung auf mehr Lebensqualität durch materielle Steigerung besteht, ist aus der Menschheitsgeschichte plausibel. Die wirtschaftliche Mangelsituation ist 200'000 bis 300'000 Jahre alt, diejenige der 'Überfluss-Gesellschaft' demgegenüber ca. 50  Jahre, d.h. eine Proportion von irgendwo um die 1 zu 4000 bis 1 zu 6000. Dass 'materielle Umweltoptimierung' quasi als Naturgesetz verinnerlicht ist, kann da nicht erstaunen.

In der modernen Welt leben wir in einer sich rasch verändernden 'Überfluss-' hin zur 'KI-Gesellschaft' mit markant ansteigender Anforderung bis Überforderung vieler Menschen. Technik und Wirtschaft – die materiellen Umstände können die Lösung nicht mehr bieten – sie sind Teil der Ursache.

Die 'Zivilisation 4.0' wird – auch wenn sich eine Schere zwischen 'hochproduktiven' und 'wenig bis unproduktiven' Menschen immer weiter auftut – zum Erfolg, wenn nicht nur die Produktivität mittels Digitalisierung gesteigert sondern auch Überheblichkeit, Egoismus, Neid und Gier vermindert werden kann. Zur Zukunft unserer Zivilisation hat der Dalai Lama ziemlich sicher mehr zu bieten als Xi Jinping.

 

Die buddhistische Philosophie enthält ein Konzept, welches die Reduktion von Egoismus und der daraus resultierenden Ängste und Eitelkeiten mit einer Zunahme an Wohlbefinden kombiniert. Unsere Zivilisation wird die Prioritäten neu setzen müssen; die ökonomisch-technische Priorität führt zu keiner Lösung, sie ist Teil des Problems.

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1https://www.ey.com/de/de/newsroom/news-releases/ey-20171116-jeder-sechste-sieht-durch-digitalisierung-eigenen-arbeitsplatz-in-gefahr

2https://www.seco.admin.ch/dam/seco/de/dokumente/Wirtschaft/Wirtschaftspolitik/digitalisierung/kurzfassung_bericht_auswirkung_digitalisierung.pdf.download.pdf/kurzfassung_bericht_auswirkung_digitalisierung.pdf Seite 1

3s. 2, Seite 3

4s.z.B. JakobPietschnig + GeorgGittler, A reversal of the Flynn effect for spatial perception in German-speaking countries: Evidence from a cross-temporal IRT-based meta-analysis (1977–2014)

5'ALPHAZERO' – Schachcomputer mit Intuition – NZZ vom 07.12.18

6https://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/future-of-employment.pdf

7https://www.technologyreview.com/s/610005/every-study-we-could-find-on-what-automation-will-do-to-jobs-in-one-chart/#comments

8https://www.ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/gess/cis/center-for-securities-studies/pdfs/CSSAnalyse220-DE.pdf